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„Kann nicht ich damit fahren?“

16/03/2020

Mikaela Åhlin-Kottulinsky

  • Interview mit Mikaela Åhlin-Kottulinsky, Rennfahrerin und Extreme E Botschafterin von Continental Reifen

Continental: Mikaela, Sie kommen gebürtig aus Schweden. Welchen Stellenwert hat der Motorsport in Ihrem Land?

Mikaela: Ich würde sagen, dass der Motorsport in Schweden seit vielen Jahren eine zentrale Rolle spielt, vor allem der Rallyesport. Wir haben uns zahlreiche Weltmeistertitel gesichert, sowohl im Rallye- und Rennsport als auch im Rallyecross. In unserem Land ist außerdem das Stockcar-Rennen eine sehr bekannte und beliebte Motorsportart. Für etwa 500 EUR können Sie ein Auto kaufen und an den Rennen teilnehmen. Sowohl früher als auch heute noch bietet das Auto an vielen ländlichen Orten die einzige Möglichkeit der Fortbewegung, und deshalb glaube ich, dass viele daran interessiert sind, schon sehr früh ihren Führerschein zu machen und Auto zu fahren.

Continental: Ihr Name ist in der skandinavischen Rennsportszene sehr bekannt. Was reizt Sie persönlich am Motorsport und wie hat bei Ihnen alles angefangen?

Mikaela: Es begann alles im Kreise meiner Familie, und ich denke, man kann sagen, dass ich ohne sie wahrscheinlich nicht an professionellen Rennen teilgenommen hätte. Seit vielen Jahren dreht sich in meiner Familie alles um den Motorsport, angefangen bei meinem Großvater, der Werksfahrer bei Audi war und das weltweit bekannte quattro-System mitentwickelt hat. Aber auch meine Mutter war Werksfahrerin im Rallyesport, und zwar bei Audi und Volvo, und mein Vater gehörte ebenfalls zu den Spitzenfahrern im Rallyesport. Wie Sie also sehen, war ich schon von klein auf vom Motorsport umgeben und getrieben.
Für mich persönlich fing alles an, als mein Bruder seinen Gokart verkaufen wollte. Und da ich es als kleine Schwester gewohnt war, immer seine alte Ausrüstung zu tragen, fragte ich ihn einfach: „Kann nicht ich damit fahren?“
Allerdings wäre es übertrieben zu behaupten, dass ich von Anfang an Talent hatte. Ich habe sehr langsam angefangen, mich aber kontinuierlich Schritt für Schritt zu meinem ersten Sieg vorgearbeitet. Zwei Jahre später habe ich dann im Kartsport meinen ersten Sieg geholt.

Mikaela Åhlin-Kottulinsky

Continental: Im Augenblick sind Sie erfolgreich in der Scandinavian Touring Car Championship am Start. Und Sie sind die einzige Frau, die bislang Rennen in dieser Serie gewonnen hat. Was macht Sie erfolgreicher als andere?

Mikaela: Ich würde nicht sagen, dass ich erfolgreicher oder besser war, ich würde eher sagen, dass dies wahrscheinlich das erste Mal war, dass alles zu 100% gepasst hat – die richtige Unterstützung durch mein Team, die Sponsoren, die richtige Menge an Erfahrung und die richtige Einstellung.
Der Wettkampf hat einfach sehr gut gepasst, und deshalb konnte ich an diesem Tag gewinnen und Geschichte schreiben.

Continental: Im Motorsport entscheiden oft Bruchteile von Sekunden über Sieg oder Niederlage. Ein einziger Fehler kann den Ausgang einer ganzen Saison bestimmen. Das erfordert eine hohe physische und psychische Leistungsfähigkeit. Wie stellen Sie sicher, dass Sie den Herausforderungen bestmöglich gerecht werden? Folgen Sie beispielsweise speziellen Fitnessprogrammen oder haben Sie einen individuellen Ernährungsplan?

Mikaela: Das ist absolut richtig, und das ist definitiv ein Punkt, den viele zu vergessen scheinen. Es ist extrem wichtig, in einem Augenblick die richtige Einstellung zu haben und sich an der richtigen Stelle zu konzentrieren.
Seit dem Sommer 2017 arbeite ich mit meinem Mentaltrainer Lennart Augustsson zusammen, und ohne ihn und ohne das, was ich von ihm gelernt habe, wäre ich nie da, wo ich heute bin. Außerdem ist die von Ihnen angesprochene Fitness und Ernährung sehr wichtig. Beispielsweise arbeite ich seit Herbst letzten Jahres mit Totus Fitness und David Hassan zusammen. Wir führten einen ausführlichen Gesundheitscheck durch und untersuchten umfassend, wie ich mich vor, während und nach einem Rennwochenende fühle.
Ich folge nun schon mehr als sechs Monate seinem Programm, alles mit dem Ziel, mich für meine Rennen so fit wie möglich zu machen. Ich stelle für mich große Fortschritte fest und habe großes Vertrauen in unsere Zusammenarbeit.
Bei der Ernährung werde ich sowohl von David als auch von meinem Sponsor Red Bull Schweden unterstützt, die mir einen genauen Zeitplan zur Verfügung stellen, damit ich an den Rennwochenenden meine gesamte Energie im Griff habe. 
Ich verrate Ihnen ein kleines Geheimnis: Regelmäßige kleine gesunde Snacks zwischendurch sind eine große Hilfe! So bleibe ich konzentriert, fühle mich aber nicht satt und müde vom Essen.

Mikaela Åhlin-Kottulinsky

Continental: Helfen Sie uns, Sie auch abseits der Rennstrecke besser kennenzulernen. Wie verbringen Sie Ihre freie Zeit und wie würden Ihre Freunde Sie beschreiben, wenn wir sie um eine Stellungnahme bitten würden?

Mikaela: Oh, ich bin ein sehr engagierter Mensch, deshalb bedeuten Tage abseits der Rennstrecke oft Training oder die Arbeit mit Sponsoren, E-Mails, Beantwortung von Anfragen, aber natürlich ja – ich brauche auch meine Freizeit. Dann mag ich eine stressfreie Umgebung, da ich ja sonst immer unterwegs bin.
Sonntagsspaziergänge, Brunchen, Mittag- und Abendessen mit Freunden und wenn ich Zeit habe: Tanzen. Ich liebe es zu tanzen und zu singen. Letzteres kann ich zwar nicht so gut, aber es macht mir Spaß.

Continental: Aktuell testen Sie außerdem die von Continental neu entwickelten Hochgeschwindigkeitsreifen für die elektrisch angetriebenen SUV der innovativen Rennserie Extreme E. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Mikaela: Mit Continental Schweden begann alles 2018, als ich das Unternehmen um Reifen für einen Weltrekordversuch mit Red Bull bat. Wir brauchten die besten Reifen ohne Spikes auf dem Markt, und ich nahm Kontakt mit Continental auf, um zu sehen, ob man mir weiterhelfen konnte. Und es war möglich – und wir holten den Weltrekord.
In diesem Moment begann unsere Kooperation, die zu einer internationalen Zusammenarbeit mit Continental für die Einführung des IceContact 3-Reifen führte.
Bei all dem Testen, Fahren und Driften entwickelte sich eine gute Verbindung zu Continental-Reifen, und mein damaliger Ansprechpartner von Continental in Schweden erzählte mir von Extreme E und fragte mich, ob ich Interesse hätte.
Ich habe keine Sekunde gezögert und zugesagt, und erhielt kurze Zeit später einen Anruf der Marketing-Verantwortlichen aus Hannover.
Jetzt fühlt es sich ein bisschen wie ein Märchen an, wie alles begann, aber trotzdem bin ich überglücklich, in dieser Situation und Teil dieser Kooperation zu sein.

Continental: Sind Sie in dieser Zusammenarbeit der verlängerte Arm der Techniker oder ist es genau umgekehrt?

Mikaela: Die Entwicklung eines Reifens ist immer eine Kooperation beider Seiten, immer eine Kommunikation, bei der Erfahrungen, Meinungen und Eindrücke aus den Tests ausgetauscht werden, und die Suche nach einer Möglichkeit und einem Reifen, der so weit wie möglich den Bedürfnissen beider Seiten entspricht.

Mikaela Åhlin-Kottulinsky

Continental: Die Herausforderung ist es, einen Reifen zu entwickeln, der einer Rennserie gerecht wird, für die es keinerlei Vergleiche gibt. Insbesondere müssen die Reifen auf sehr verschiedenen Untergründen und in ebenso verschiedenen Klimazonen funktionieren: in der Wüste, im Himalaja-Gebirge, im Regenwald und in der Arktis. Wie wirkt sich das auf die Tests aus, an denen Sie beteiligt sind?

Mikaela: Natürlich ist es eine Herausforderung, wie Sie sagen. Es sind verschiedene Untergründe und unterschiedliche Temperaturen und vergessen wir nicht: Die Vorgabe ist immer, das absolute Maximum und das Beste aus dem Reifen herauszuholen.
Continental hat bereits viele Jahre Erfahrung mit Offroad-Reifen und schon viele tausende Kilometer Testfahrten durchgeführt, was natürlich in einem solchen Entwicklungsfall eine Menge wert ist.

Continental: Die Entwicklung eines neuen Reifens im SUV-Segment dauert in der Regel drei bis vier Jahre. Bis zum Start der ersten Extreme-E-Saison Anfang 2021 ist also aus technischer Sicht nicht mehr viel Zeit. Wie zufrieden sind Sie derzeit mit der Leistungsfähigkeit des Reifens von Continental?

Mikaela: Sehr zufrieden! Der erste richtige Test, den wir durchführten, war in Frankreich im Oktober 2019. Schon dort funktionierten der Reifen ausgesprochen gut und zeigte auch nach längerer Zeit eine gute Performance, und das trotz der Tatsache, dass es sehr heiß war und wir auf einer sehr robusten Mischung aus groben Kies, Steinen und Asphalt fuhren.

Continental: Die Extreme-E-Rennserie bietet viele Besonderheiten – außergewöhnliche Fahrzeuge, extreme Veranstaltungsorte und einen hohen moralischen Anspruch. Mit ihrer Streckenwahl in unmittelbarer Nähe bedrohter Biotope wollen die Veranstalter nicht nur Motorsportfans begeistern, sondern Menschen weltweit sowie Politiker, Einwohner und lokale Behörden an den Austragungsorten auf den Klimawandel aufmerksam machen und sie dazu ermuntern, ihre Bemühungen zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu verstärken. Glauben Sie, dass Motorsport in diesem Sinne einen Beitrag für mehr Nachhaltigkeit in verschiedenen Gesellschaften leisten kann?

Mikaela: Ich glaube, dass man mit einer außergewöhnlichen Rennserie wie diese es ist, Menschen auf eine engagierte Art und Weise ansprechen kann, um uns alle zu ermutigen, unseren Lebensstil und unsere Entscheidungen durch eine positive Einstellung zu überdenken und ändern.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Klimaveränderungen sind nicht positiv, aber ich glaube, es ist einfacher, Menschen durch eine positive Einstellung zu motivieren, eine Veränderung vorzunehmen, als durch eine negative.
Wenn wir es aufregend, interessant und „cool“ gestalten können, diese Rennserie und ihre Fortschritte zu verfolgen, um dann auch selbst diese Veränderungen vorzunehmen, dann bin ich überzeugt, dass dies eine große Wirkung haben und damit eine große positive Veränderung für unsere Welt und unsere Menschen nach sich ziehen wird. 

Continental: Über das Fahrerfeld ist noch nicht abschließend entschieden. Gehandelt werden bekannte Namen wie Daniel Abt, Bruno Senna und Sacha Prost. Warum wären Sie gerne mit am Start?

Mikaela: Ganz einfach: Wegen den oben genannten Gründen, besonders in Hinblick auf den Effekt, den die Serie erreichen soll. Aber natürlich auch aus der Sicht der Fahrer – diese Rennserie wird eine große Herausforderung darstellen, und genau das treibt uns letztendlich an, Challenges zu bewältigen und zu gewinnen.

Continental: Einige der genannten Fahrer kommen aus Rennserien mit elektrisch angetriebenen Fahrzeugen wie der Formel E. Gibt es spürbare Unterschiede in der Fahrweise von Rennsportlern mit Elektromotor im Vergleich zu denen mit Verbrennungsmotor? Und falls ja: Sind Fahrer mit E-Motorsport-Erfahrung dann bei der Extreme-E-Rennserie im Vorteil?

Mikaela: Es gibt Unterschiede, ja klar, denn bei E-Fahrzeugen erhält man die maximale Leistung von dem Moment an, in dem man das Pedal betätigt. Das erfordert eine andere Denkweise während der Fahrt, aber ansonsten ist es wertvoller, Erfahrungen im Offroad-Bereich, dem Driften und dem Eisfahren zu haben und das Fahren im Gelände zu beherrschen.

Continental: Zum Abschluss noch einmal zurück zur Motorsportlerin Mikaela Åhlin-Kottulinsky: Wer waren Ihre Vorbilder, als Sie mit den Rennen anfingen? Und was wollen Sie in Ihrem Sport noch erreichen?

Mikaela: Vielleicht klingt das etwas kitschig, aber mein Vorbild war immer meine Mutter. Sie ist eine starke, entschlossene Frau, die keine Ängste kennt.
Und die letzte Frage ist einfach zu beantworten: Ich möchte die erste Weltmeisterin sein, und zwar in einer Elektrorennserie.

Continental: Vielen Dank für das Interview, Mikaela.

Mikaela Åhlin-Kottulinsky

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